Der französische Historiker Roger Chartier, über den ich bereits im vergangenen Beitrag gesprochen habe, hat vor knapp dreißig Jahren eine Abhandlung über den Einfluss der Medienwelt auf das Gesellschaftsverhalten der Menschen verfasst. Teil dieser Argumentation war es unter anderem, dass die Medienwelt einen Spiegel der gesellschaftlichen Interessen darstellt, ihre Bedürfnisse zu befriedigen versucht, gleichzeitig aber Produkt der gesellschaftlichen Diskussion darstellt. Was würde Chartier behaupten, wenn er sich den Fall Jörg Kachelmann aus dem vergangenen Jahr anschaut? Haben wir als Gesellschaft diese Hasstriaden, die in den Medien gegen ihnen aufgebracht wurden, selbst verursacht, weil wir als Gesellschaft nichts anderes hören wollten? Wollten wir einen Skandal, der mit dem sauberen Image eines Wetterexperten abrechnet oder sind wir nur von den Medien in unserer Meinungsbildung geleitet wurden?
Es gibt so viele Dinge in unserer Gesellschaft, die fragwürdig sind und noch mehr Personen, bei denen wir uns fragen, warum und weshalb sie eigentlich in der Öffentlichkeit an jedem Ort präsent sein müssen. Jeden Tag schauen wir uns Leute an, die vollkommen fokussiert auf ihrem iPhone herumtippen und rein gar nichts mehr davon mitbekommen, was um sie herum, also in der Welt fernab des Displays, passiert. Wir schauen uns im Fernsehen die hundertste potenzielle Ehegattin von „Loddar“ Matthäus an, der predigt, dass es dieses Mal anders wird. Klar, warum auch nicht? Dieses Mal hat er das bulgarische Unterwäschemodel ja aufgrund ihres Charakters auserwählt.
Worauf achten wir Menschen? Was glauben wir, was nehmen wir uns zur Brust und nach welchen Regeln agieren wir? Ich denke, dass es im Mittelalter am verheerendsten war, doch auch heute noch handeln wir mehr nach dem, was wir hören als dem, was wir mit eigenen Augen sehen. Anders lassen sich Hetzkampagnen nicht erklären und seien wir mal ehrlich, ein Prominenter ist erledigt, wenn mit seinem Namen irgendwelche schmutzige Wäsche gewaschen wird, selbst wenn diese Wäsche auf nichts als Lügen und Vermutungen aufbaut. Max Frisch, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, hat diesen Makel in der menschlichen Genetik erkannt und ihm mit „Andorra“ ein eigens konzipiertes Werk gewidmet.
Man mag es kaum glauben, doch als ich am gestrigen Tage im öffentlich rechtlichen Fernsehen die Nachrichten verfolgte, bekam ich ein Fauxpas der ganz besonderen Art zu hören. Ich wusste gar nicht, dass unsere Bundeskanzlerin auf den Vornamen Andrea reagiert. Ein Fehler, der dem Journalisten noch im Gedächtnis bleiben wird, sein Job wird er wohl trotzdem behalten, denn Fehler sind menschlich, unsere führende Politikerin lässt eben jene Eigenschaft häufig vermissen.
Beinahe jeden Tag werden wir in den Nachrichten über neue Verbrechen unterrichtet. Ob es Massenmorde in einer Schule sind, Familiendramen in doch so normalen Haushalten, Rachemorden oder Tötungen auf dem Motiv Habgier. Morde passieren und sie scheinen ebenso zu unserer Gesellschaft zu gehören wie unser tägliches Brot.