Der französische Historiker Roger Chartier, über den ich bereits im vergangenen Beitrag gesprochen habe, hat vor knapp dreißig Jahren eine Abhandlung über den Einfluss der Medienwelt auf das Gesellschaftsverhalten der Menschen verfasst. Teil dieser Argumentation war es unter anderem, dass die Medienwelt einen Spiegel der gesellschaftlichen Interessen darstellt, ihre Bedürfnisse zu befriedigen versucht, gleichzeitig aber Produkt der gesellschaftlichen Diskussion darstellt. Was würde Chartier behaupten, wenn er sich den Fall Jörg Kachelmann aus dem vergangenen Jahr anschaut? Haben wir als Gesellschaft diese Hasstriaden, die in den Medien gegen ihnen aufgebracht wurden, selbst verursacht, weil wir als Gesellschaft nichts anderes hören wollten? Wollten wir einen Skandal, der mit dem sauberen Image eines Wetterexperten abrechnet oder sind wir nur von den Medien in unserer Meinungsbildung geleitet wurden?
Es gibt so viele Dinge in unserer Gesellschaft, die fragwürdig sind und noch mehr Personen, bei denen wir uns fragen, warum und weshalb sie eigentlich in der Öffentlichkeit an jedem Ort präsent sein müssen. Jeden Tag schauen wir uns Leute an, die vollkommen fokussiert auf ihrem iPhone herumtippen und rein gar nichts mehr davon mitbekommen, was um sie herum, also in der Welt fernab des Displays, passiert. Wir schauen uns im Fernsehen die hundertste potenzielle Ehegattin von „Loddar“ Matthäus an, der predigt, dass es dieses Mal anders wird. Klar, warum auch nicht? Dieses Mal hat er das bulgarische Unterwäschemodel ja aufgrund ihres Charakters auserwählt.
Wochenlang habe ich mich vehement von den Aussagen Thilo Sarrazins distanziert. Also nicht direkt von dem, was er anspricht, sondern vom anhaltenden Diskurs in den Medien. Eines ist klar, sein Werk „Deutschland schafft sich ab“ spricht eine Reihe von vielfach zu diskutierenden Aspekten an, tut dies in einem sehr direkten und vor allem angreifenden Ton und dennoch bin ich der Meinung, dass er es eher die Frage nach dem „Wie man etwas sagt“ ist, was die Menschen derzeit beschäftigt.